Am 10.03.2016 veröffentlichte der Reutlinger Generalanzeiger einen Bericht über die Gemeinderatssitzung, bei dem u. a. der Investor seine Ausführungen zur Bebauung 2. Bauabschnitt des Kaiserviertels vorgestellt hatte.

Auf Nachfrage von Frau Traude Koch (GAL), die bemerkte, dass beim 2. BA doch dort auch „weniger hochpreisige Wohnungen gebaut werden sollten“ (sprich bezahlbarer Wohnraum), antwortete der Geschäftsführer von Schöller und Partner, Herr Willi Schöller, daß „dies hier nicht möglich war“.

Als ich das gelesen hatte, ist mir der Kamm so angeschwollen, dass ich einen Leserbrief an den GEA verfassen mußte. Damals mir bereits klar war, dass dieser Brief, aufgrund der Länge, nie veröffentlicht werden kann. Deshalb habe ich ihn auch an den Bürgermeister und an alle Mitglieder des Gemeinderates gesandt, die eine Emailadresse auf der Webseite der Stadt Pfullingen angegeben hatten.

Ich weiß, dass dieser Brief ziemlich zeitintensiv ist, um diesen zu lesen. Aber nehmen Sie sich bitte die Zeit. Er ist nach wie vor aktuell und beschreibt die ganze Situation, in der wir uns jetzt befinden. Wir bauen zwar neue Gebäude, schaffen es aber nicht, Wohnraum für uns Pfullinger zur Verfügung zu stellen.

Leserbrief an den Reutlinger Generalanzeiger

GEA Bericht 10.03.16 zum Thema 2. BA Kaiserviertel Pfullingen

Mit Erschrecken habe ich den GEA-Bericht über die Vorstellung des 2. Bauabschnittes Kaiserviertel vor dem Gemeinderat durch die Planungsgesellschaft Schöller und Partner gelesen. Gebiet: ehemaliges Blessing-Areals. 1. BA im Bau. Wegen 2. BA muß bestehendes Fabrikgebäude weichen. Toll, dass die Stadt Pfullingen diesen Standort jetzt endlich für neuen Wohnraum ausgewählt hat. Blessing ist ja auch schon lange genug in Kirchheim/Teck und war gefühlt immer inmitten eines Wohngebietes. Perfekter Standort für Neubauten. Der Geschäftsführer von Schöller und Partner, Herr Willi Schöller, berichtete dem Pfullinger Gemeinderat, dass beim 1. BA schon vor dem ersten Spatenstich alle 21 Wohnungen an Investoren verkauft wurden. Beim 2. BA wird es ähnlich laufen. Der Architekt Seidenspinner führte aus, dass beim 2. BA insg. 37 Wohnungen und 6 Gewerbeeinheiten (4 Neubauten) geplant sind.

Bei der Schöller-Vorstellung hatte leider nur der Einwurf von Frau Koch (Gemeinderat Pfullingen, GAL) die vermutlich sehr angenehme und gemütliche Abendstimmung gestört. Sie erlaubte sich die Bemerkung, dass ursprünglich einmal angedacht gewesen sei, dort auch „weniger hochpreisige Wohnungen bauen zu wollen“. Herr Schöller antwortete daraufhin, das habe sich nicht verwirklichen lassen. Vielleicht könnte es ja beim 3. BA klappen! Gemeinderat Herr Losch (UWV) wußte sogar noch, dass bei der ersten Planung dem Gemeinderat ein 5. Gebäude vorgestellt wurde. Wegen provisorischer Stellplätze (was immer das auch heißen mag) mußte auf ein 5. Gebäude verzichtet werden.

Das ist die gesamte Reaktion des 2014 von uns Pfullinger Bürgerinnen und Bürgern gewählten Bürgermeisters und Gemeinderates???  GÜNSTIGER WOHNRAUM IST IM KAISERVIERTEL NICHT MÖGLICH, WAR JA WOHL ABER VOM BÜRGERMEISTER UND GEMEINDERAT GEFORDERT! Ja wo denn sonst in Pfullingen? Das Kaiserviertel hat null Aussicht, ist von Sonne nicht unbedingt verwöhnt, die Kirchenglocke beschallt einen ordentlich und ringsherum ist man von bestehenden Mehrfamiliengebäuden umsäumt! Und so eine Aussage von Herrn Schöller läßt sich unser Bürgermeister und Gemeinderat ohne Widerspruch gefallen? Schöller und Partner wird das Baugesuch in Kürze einreichen und hofft, dass die Baugenehmigung schnellstmöglich erteilt wird, da man ab 01.07.16 mit dem Bau beginnen will.

Ja haben wir den Schuß denn nicht gehört? Pfullingen hat kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Geringverdiener (z. B. Burgweg und teilweise Römerstrasse) haben massiv Probleme, Ihre Mieten und Nebenkosten zu zahlen. Wir werden u. a. 30 Obdachlose in den Neubau der Achalmstrasse einziehen lassen (ist da kein Pfullinger dabei?). Rentner haben ihr Leben lang gearbeitet, wissen aber nicht, wie die nächste Miete bezahlt werden soll (2 Mio Rentner arbeiten aktuell in Deutschland, um ihre Rente aufzubessern!). Haben wir nicht in Pfullingen durch jahrzehntelange Fehlplanungen im Wohnungs- und sozialen Wohnungsbau dafür gesorgt, dass wir jetzt viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum haben?

AUFWACHEN HERR BÜRGERMEISTER, AUFWACHEN GEMEINDERAT!

Wenn man sich die Webseite der Schöllergruppe anschaut, dann findet man Begriffe wie hochwertige, lichtdurchflutete Wohnungen, Ärztehaus, medizinische Einheiten, Pomologie und Obere Wässere. Zudem wird man mit „nachhaltige Kapitalanlagen für private und institutionelle Investoren im Immobilien- und Windenergiebereich“ begrüßt. Und des Weiteren bietet man Investoren eine Beteiligung an einer Immobilie als Sachwert ab 200.000 € an.

Ich persönlich assoziiere mit diesen Begriffen nicht wirklich bezahlbaren Wohnraum? Wo sind auf der Webseite die Referenzen für Sozialen Wohnungsbau?

Laut Aussage von Frau Koch war es aber doch eine Aufgabe für Schöller, bezahlbaren Wohnraum in ausreichender Zahl (Stichwort: bei der ersten Planung gab es 5 Gebäude) im Kaiserviertel möglich zu machen. Meiner Meinung nach ist Schöller mit dem Architekten Seidenspinner der ihm vom Gemeinderat gestellten Aufgabe nach günstigem Wohnraum, eventuell auch einer Vorgabe nach Anzahl der Wohnungen, nicht nachgekommen. Zumindest liest es sich so im GEA-Bericht.

Der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Markus Müller, sagte in einem Interview im Staatsanzeiger/04.03.16, „dass seit 30 Jahren bekannt ist, dass 1-Personen-Haushalte zunehmen. Wenn man den Flächenverbrauch in den Griff bekommen will, dann muß man sehr ernsthaft über Angebote von kleineren Wohnungen nachdenken. Zumal die sozialen Sicherungssysteme ein hohes Versorgungsniveau auf lange Sicht nicht mehr gewährleisten werden. Von daher ist es geradezu eine Frage von Verantwortung, dass man bezahlbaren Wohnraum schafft.“  Gleiche Qualität bei weniger Kosten ist für ihn realistisch, wenn der Mensch bereit ist, gemeinsam Räume zu nutzen, die wenig frequentiert sind, aber eine hohe Lebensqualität haben. Als Beispiel führte er „eine Dachterrasse für alle, anstatt einen Balkon für jeden“, auf. D. h. im Sozialbau komplett auf Balkone zu verzichten, da diese den Bau nur unnötig verteuern.

Ich denke die Frage des bezahlbaren Wohnraums geht uns alle an. Wenn man aktuell Mietwohnungen in Pfullingen sucht, sieht es schlecht aus. Tendenz klar Richtung 10 €/m².

Bei kleinen Wohnungen (bis 60 m² Fläche) ist laut einem Mietspiegel im Internet der Mietpreis zwischen 2011 und 2013 um über 10 % gestiegen.

Wenn Herr Schöller meint, man richtet sich an marktüblichen Preisen, ist das meiner Meinung nach nur die halbe Wahrheit.

Er selber sorgt dafür, dass nur teure Neubauten nachkommen. Kleinere Wohneinheiten werden trotz großer Nachfrage nicht angeboten. Das Kaiserviertel wird in seiner jetzt geplanten und mit 1. BA gebauter Ausführung für Pfullinger kaum interessant sein. Für diejenigen, die mit wenig Geld auskommen müssen, sind die Preise nicht zu bezahlen. Diejenigen, die es sich leisten könnten (Mittelstand), werden nicht bereit sein, für diese Wohnlage solch hohe Mieten zu bezahlen. Herr Schöller bzw. seine Investoren werden trotzdem die marktüblichen Preise bekommen, da er das Einzugsgebiet für sich öffnet. D. h. es werden Mieter/Eigentümer aus anderen Kommunen zu uns kommen, bei denen es gar keine neuen Wohnbauten/Bauland gibt und dementsprechend dort die Miet- und Immobilienpreise noch höher sind.

Letztendlich nutzen uns als Pfullinger solche Bauten praktisch nichts. Es wird Zeit, über den Tellerrand rauszuschauen. Ein Miteinander ist in Zukunft nur möglich, wenn alle Pfullinger noch bezahlbaren Baugrund und Wohnraum in Pfullingen auffinden. Hierfür sind Sie Herr Schrenk als Bürgermeister gemeinsam mit Ihrem Gemeinderat verantwortlich.

Wir haben Sie alle 2014 gewählt. Also hören Sie auf die Stimmung Ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Das Kaiserviertel ist meiner Meinung nach dafür geschaffen, um bezahlbaren Wohnraum zu realisieren. So wie der 2. BA aber geplant ist, wird dies nicht umzusetzen sein. Also gibt es nur eine klare Antwort zum Baugesuch der Schöllergruppe. In dieser Ausführung dürfte es meiner Meinung nach keine Baugenehmigung erfolgen.

Es nützt uns Pfullingern leider nichts, wenn die Stadt nur Bauland und Wohnraum zur Verfügung stellt. Wir Pfullinger Bürger sollten auch die ersten Ansprechpartner der Stadt sein, um diesen Wohnraum nutzen zu können. Solange aber die Stadt zusieht, dass Investoren -ohne Rücksicht auf Bedürfnisse unserer Pfullinger Bevölkerung- im großen Stile Wohngebäude bauen und verkaufen kann, um diese dann überregional anbieten zu können, wird sich immer einer finden, der diese Immobilien- und Mietpreise zahlen wird. Wir geben das Heft des Handelns aus der Hand. Folge: Die Preise werden auch in Zukunft weiter steigen. Was dann mit Geringverdienern und Bürgerinnen/Bürgern mit wenig Geld passiert, können wir uns denken. Wir werden mehr Obdachlose bekommen.

Pfullingen hat viele schlaue Köpfe, die sicher tolle Ideen haben. Geben Sie denen die Möglichkeit, durch gemeinsame Veranstaltungen, sich zu äußern. Suchen Sie den Dialog mit Ihren Bürgerinnen und Bürgern und entscheiden Sie nicht an Ihnen vorbei, damit es auch in Zukunft weiterhin möglich ist, in dieser tollen Wohlfühlstadt Pfullingen gemeinsam friedlich leben zu können.

Wir brauchen in unserer Stadt keine Politik für Reiche (die gehen ihren eigenen Weg), sondern für die, die finanziell am Rande unserer Gesellschaft stehen. 16,7 Mio Einwohner in Deutschland sind von Armut bedroht. Das muß Alarmzeichen genug sein.

Ich möchte darauf hinweisen, dass es sich bei meinen Äußerungen um meine subjektive eigene Meinung handelt. Ich möchte niemanden angreifen und an den Pranger stellen. Dieser Brief soll einfach mal ein Denkanstoß für alle sein.